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Schweigespirale oder Agenda Setting

Dezember 22nd, 2009 · 3 Kommentare

In der Blogosphäre werden “normale” Blogger (oder Bloggerinnen – ich schreibe aus Gründen der Vereinfachung immer in der männlichen Form) in ihrer Themenwahl durch die A-Blogs beeinflusst. Dieser Befund wurde schon von einigen Autoren (vgl.: Schmidt (2006), Hass (2005), Delwich (2005)) so festgehalten. Zwar wurden in den genannten Arbeiten meistens nur Einzelfälle dargestellt, welche belegen sollten, dass ein solcher Einfluss besteht, doch scheint hier wirklich etwas dran zu sein. (Die empirische Überprüfung dieses Phänomens soll an dieser Stelle nicht geschehen – doch daran wird gearbeitet).
Es erscheint ja auch nur logisch – schon seit längerem ist bekannt (vgl.: Schmidt 2006), dass eben diesen A-Blogs in der Blogosphäre eine große Aufmerksamkeit zukommt. Das bedeutet einfach, dass eine Menge Leute, die sich mit Blogs beschäftigen, bei den A-Blogs vorbeischauen und somit natürlich auch Anregungen für ihre eigenen Geschichten holen.
Außer mich damit zu beschäftigen, dieses Phänomen empirisch nachzuweisen, überlege ich mir ebenso, welches theoretische Modell diesen Einfluss erklären oder beschreiben kann. Heute wollte ich mal eine Idee unterbreiten, die ich so noch nirgendwo gelesen habe. Ich bin durch meine Beschäftigung mit Medienwirkungstheorien darauf gestoßen.
Es ist die Theorie der Schweigespirale von Frau Noelle-Neumann, die sich meiner Meinung nach mit ein wenig Uminterpretation zur Erklärung dieses Phänomens anwenden lässt. Nochmals zur Erinnerung sollen hier die zentralen Annahmen der Theorie der Schweigespirale dargestellt werden (nach Schenk (1995):

1. Die Gesellschaft belegt (von der Norm) abweichende Individuen mit Isolation.

2. Individuen haben kontinuierliche Furcht vor Isolation.

3. Diese Isolationsfurcht veranlasst Individuen, das Meinungsklima zu allen Zeiten abzuschätzen (=quasi-statistische Wahrnehmung).

4. Ergebnisse dieses Schätzvorgangs beeinflussen individuelles Verhalten in der Öffentlichkeit, insbesondere die öffentliche Kommunikationsbereitschaft bzw. Redebereitschaft und das Eintreten für die eigenen Ansichten.

5. Die fünfte Annahme verbindet die anderen vier. Zusammengefasst sind sie verantwortlich für die Formierung, Festigung und Veränderung der öffentlichen Meinung.

Frau Noelle-Neumann hat diese Thesen zum größten Teil auf das Fernsehen bezogen und hat somit dem Fernsehen eine tragende Rolle in der Bildung der öffentlichen Meinung zugeschrieben. Die Schweigespirale zeigt sich dadurch, dass jene Ansichten und Meinungen, die vom Fernsehen übertragen werden, sich als “öffentliche Meinung” manifestieren, indem sich kein Mensch mehr traut eine andere Meinung kund zu tun. Und das eben aus den oben genannten Gründen. Da das Fernsehen eine große Aufmerksamkeit in der Gesellschaft hat, wird dem Fernsehen diese Fähigkeit bescheinigt.

Und wer vorher aufgepasst hat, kann hier schon die ersten Anknüpfungspunkte für die Übertragung der Theorie auf die Blogosphäre erkennen. Denn dort kommt den A-Blogs eine vergleichbare Aufmerksamkeit zu. Sie haben sozusagen eine tragende Rolle in der Bildung der öffentlichen Meinung in der Blogosphäre.
Doch muss man weiter differenzieren, um die Theorie der Schweigespirale auf die Blogosphäre zu übertragen. Hier ist es zwar auch so, dass ein Blogger Angst vor Isolation hat – wenn jemand bloggt, dann ist dieses Individuum, meiner Meinung nach, primär an Kommunikation und Beachtung interessiert. Deshalb fürchtet ein Blogger mit seinen Posts alleingelassen zu werden. Er möchte Kommentare, Trackbacks, Links usw. Aber es ist auch ersichtlich, dass die A-Blogs nicht zur Bildung der öffentlichen Meinung beitragen, sondern das Agenda Building der Themenagenda in der Blogosphäre stark beeinflussen. Es ist eben so, dass die Themen der A-Blogger in der Blogosphäre sehr sichtbar sind. Möchte nun ein nicht so bekannter Blogger Aufmerksamkeit auf sich ziehen, dann muss er bei den sichtbaren Themen mitdiskutieren. Er muss sich sozusagen an der Anschlusskommunikation beteiligen. Somit ist natürlich nicht gesagt, dass er der Meinung des A-Bloggers folgen muss – nein, gerade im Gegenteil, eine provokante, kritische Äußerung wird vielleicht sogar größere Resonanz nach sich ziehen -, aber er muss sich der Themen-Agenda der A-Blogger beugen. Wobei wir jetzt bei einer anderen Medienwirkungstheorie gelandet wären – nämlich dem Agenda-Setting-Konzept.

Und aus dieser Sichtweise lässt sich das Phänomen nochmals anders darstellen. Hier muss das Augenmerk auf jenen Zweig der Agenda-Setting-Forschung gelegt werden, welcher sich mit Agenda Setting und Anschlusskommunikation beschäftigt.
Beispielsweise untersuchten Kepplinger und Martin (1986) mit Hilfe des Verfahrens der verdeckten, teilnehmenden Beobachtung, welche Bedeutung der Hinweis auf Themen, die in den Massenmedien behandelt wurden, für die Alltagskommunikation hat. Sie beobachteten Gespräche auf öffentlichen Plätzen, in der Universität, in Gaststätten und auch im privaten Bereich. Sie fanden heraus, dass Medienthemen integrierend wirken. Dies scheint auch logisch, da die Wahrscheinlichkeit, dass ein Medienthema Anschlussmöglichkeiten für viele Teilnehmer eröffnet, groß ist. Kepplinger und Martin (1986) fanden heraus, dass je geringer die Gesprächsintensität war, desto stärker war zu beobachten, dass Themen der Massenmedien herangezogen wurden, um die Diskussion zu beleben. Weiter folgern sie: Die Funktion mag auch darin begründet sein, dass in der Öffentlichkeit seltener über persönliche und unmittelbar relevante Aspekte gesprochen wird und der Vorteil der Massenmedien aus der allgemeinen Bedeutung des Themas resultiert.
Bezüglich des Phänomens der A-Blogger müsste man den A-Blogs für die Blogosphäre eine Agenda-Setting-Funktion zusprechen. Die Anschlusskommunikation der normalen Blogger wäre damit zu begründen, dass die Themen der A-Blogger durch ihre große Sichtbarkeit in der Blogosphäre eine allgemeine Bedeutung erfahren. Und Blogger, die sich an die größere – also nicht persönliche – Öffentlichkeit wenden, eben jene Themen aufgreifen, die integrierend wirken, zu denen eben jeder was zu sagen hat.

Nun ja, resümierend betrachtet erzielen beide Modelle einen ähnlichen Effekt. Doch welches Modell entspricht eher der Realität? Oder sollte man einzelne Teile aus beiden Modellen herausnehmen und kombinieren?

Literatur:

Haas, T. 2005. From “Public Journalism” to the “Public´s Journalism”? Rhetoric an reality in the discourse on weblogs. Journalism Studies 6:387-96

Schmidt, J. 2006. Weblogs. Eine kommunikationssoziologische Studie. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH

Delwiche, A. 2005. Agenda-setting, opinion leadership, and the world of Web logs. In First Monday
Retrieved 15.04.2009, from http://firstmonday.org/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/fm/article/view/1300/1220.

Schenk, M. 1995. Soziale Netzwerke und Massenmedien. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck)

Kepplinger, H. M. / Martin, V. (1986): Die Funktion der Massenmedien in der Alltagskommunikation. Publizistik 31:118-28

Tags: Blogosphäre

3 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Stefan G aus B // Feb 9, 2010 at 13:40

    das blog ist ja geradezu interessant, alta :)

  • 2 Tackelberz // Feb 10, 2010 at 22:43

    Jo danke. Hab ich dir eigentlich schon gesagt, dass ich mich fett gefreut habe, als du auf meinem Junggesellenabschied warst? Bis bald mal wieder…

  • 3 just un clou cartier copy // Feb 27, 2016 at 06:49

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