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Quellen der deutschsprachigen A-List-Blogs

April 18th, 2010 · 3 Kommentare

Jan Schmidt hat letztens auf seinem Blog einen Aufsatz veröffentlicht, in dem er mit Hilfe des “Leitmedien”-Tools von rivva feststellen wollte, welche Online-Medien eigentlich den Stoff für Diskussionen in der deutschsprachigen Blogosphäre liefern. Als Erkenntnis stellt er dann gegen Ende fest, dass Blogs die Aufmerksamkeit für journalistische Inhalte vergrößern, weil der überwiegende Teil der diskutierten Inhalte aus “etablierten-publizistischen” Angeboten stammt.
Für mich persönlich war dieses Ergebnis interessant und auch bekräftigend, weil ich gerade diese Tage meine Präsentation für die GOR vorbereitet habe und dort eben aus anderer Perspektive auf ein ähnliches Ergebnis gekommen bin.
Der Ausgangspunkt meines Vortrags ist die Frage, ob deutschsprachige A-List-Blogs eher den Agenda-Setting Prozess der Mainstream Medien verstärken oder eher abschwächen? Es gibt in der Literatur Hinweise für beides. Einmal wird behauptet, dass A-List-Blogs sich im Grunde auf die Kommentierung von Mainstream Medien Inhalten konzentrieren – wie es “Watchblogs” logischerweise auch tun – und somit die Wirkung der Mainstream Medien Agenda verstärken. Andererseits gibt es aber auch Befunde, die dafür sprechen, dass A-List-Blogs eine alternative Agenda anbieten, indem sie sich Themen widmen, die nicht aus Mainstream Medien Quellen stammen, sondern aus “kleinen” Blogs, Videoplattformen, Tweets usw. In diesem Kontext ist oftmals von einer “Focal Points”-Funktion der A-List-Blogs zu lesen, da sie die relevanten Informationen in der Blogosphäre (oder im User Generated Content allgemein) verdichten.
Um dies zu überprüfen habe ich in meinem Datensatz für einen bestimmten Zeitraum (4 Wochen im August und September 2008) alle Posts der A-List-Blogs extrahiert. (A-List-Blogs habe ich pragmatisch definiert: Sifry benennt im State of the Blogosphere-Bericht von 2006 eine “High Autority Group der Blogs” und das sind jene, die über 500 Links haben. Ich habe dann für den genannten Zeitraum in die deutschen Bloggercharts geschaut und jene Blogs mit über 500 Links als A-List-Blogs definiert. (Auch dazu).) Diese wurden dann im Rahmen des Seminars mittels Inhaltsanalyse untersucht.
Um herauszufinden, welche Blogs Inhalte wiedergeben, die aus Mainstream Medien Quellen stammen, wurde jeder Link daraufhin untersucht, ob er auf eine Mainstream Quelle verweist oder nicht. Ebenso wurde der Verweis auf offline Mainstream Medien kodiert.
Das Ergebnis sieht so aus:

Es ist zu sehen, dass der Anteil der Posts, die Informationen aus Mainstream Medien Quellen diffundieren, weitaus geringer ist (ca. 25%) als der Anteil jener Posts, die entweder alternative Quellen (Blogs, Videoplattformen, Wikis…) oder gar keine Quellen haben.
Dies ist eigentlich überraschend, da man auf Grund dieses Ergebnisses davon ausgehen müsste, dass eher eine Abschwächung der Mainstream Medien Agenda stattfindet als eine Verstärkung.
Betrachtet man die einzelnen Blogs genauer, ist festzustellen, dass gerade der bildblog, stefan-niggemeier, netzpolitik und indiskretion ehrensache relativ viel im Verhältnis zu ihrer Gesamtanzahl an Posts über Dinge berichten, die auf Mainstream Medien Quellen basieren. Beim Bildblog ist das einleuchtend. Das nächste Schaubild verdeutlicht aber gut, dass spezielle Themen Mainstream Medien Informationen “mit sich bringen”, oder besser gesagt bei solchen Themen Mainstream Medien Quellen einfach unumgänglich sind.

Das Thema Media, das sich wohl meistens als Medienkritik darstellt, ist in dem bildblog, stefan-niggemeier und indiskretion ehrensache die Triebfeder für die Verwendung von Mainstream Medien Quellen. Bei dem Blog netzpolitik ist es das Thema Politik. Bei dem Thema Politik ist davon auszugehen, dass politische Neuigkeiten sich in den meisten Fällen als erstes in etablierten Medien finden lassen. Somit bleibt politischen Blogs gar nichts anderes übrig als sich häufig auf Mainstream Medien Quellen beziehen zu müssen.
Nun aber zurück zum Agenda Setting Konzept. Meiner Meinung nach ist es nicht möglich, Agenda Setting Prozesse zu überprüfen, ohne sich die Wirkung bei den Rezipienten anzuschauen. Ich habe, um diesen Anspruch gerecht zu werden, nach den Links im Datensatz auf die inhaltsanalysierten Posts gesucht. Vergleicht man die Anzahl an Links zu den Posts mit Mainstream Medien Quellen mit der Anzahl an Links zu denen ohne Mainstream Medien Quellen, dann fällt auf, dass tendenziell öfter auf die ersteren verlinkt wird (statistisch signifikanter T-Wert auf 5%-Niveau). Somit wären wir wieder bei dem Aufsatz von Jan Schmidt. Auch dieses Ergebnis zeigt, dass Themen aus Mainstream Medien Quellen eher in der Blogosphäre diskutiert werden als Themen aus alternativen Quellen.
Woran das liegt?
Bei der Inhaltsanalyse hatten wir ebenso Nachrichtenfaktoren kodiert, und es zeigte sich, dass die Posts mit Mainstream Medien Quellen tendenziell eine größere Anzahl aber auch eine größere Intensität von Nachrichtenfaktoren aufweisen können. Schon Galtung und Ruge (1965) haben Nachrichtenfaktoren als generelle Verarbeitungsmechanismen verstanden. Spätestens Eilders (1997) konnte beweisen, dass Nachrichtenfaktoren als Relevanzindikatoren auch bei der Rezeption funktionieren. Bestimmen Nachrichtenfaktoren also auch das Linkverhalten? Es scheint so.
Genaueres dazu bei dem Vortrag

Literatur:

Eilders, C. (1997). Nachrichtenfaktoren und Rezeption. Eine empirische Analyse zur Auswahl und Verarbeitung
politischer Information. Opladen, Westdeutscher Verlag.

Galtung, J. and M. H. Ruge (1965). “The Structure of Foreign News: The Presentation of the Congo, Cuba and Cyprus Crises in Four Norwegian Newspapers.” Journal of Peace Research 2: 64-90.

Tags: Blogosphäre

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